…nevergoinghome über das bürgerliche Individuum

Wir halten es für eine zentrale antideutsche Erkenntnis, dass jede Kollektivierung innerhalb einer kapitalistisch verfassten Welt letztendlich ein regressives Moment enthält, das tendenziell auf die Auslöschung der Individualität, die Preisgabe individueller Glücksansprüche zugunsten kollektiver Formierung zielt. Diese Kritik war und ist notwendig. Daraus wurde nur leider des Öfteren der voreilige Schluss gezogen, das Individuum abstrakt gegenüber jedwedem kollektiven Zusammenschluss in Stellung zu bringen. Es wird vergessen, dass das Individuum, das zur Rettung ansteht, eben nicht das abstrakt-isolierte bürgerliche Individuum sein kann. Die bürgerliche Individuationsform zwingt die Einzelnen zu einer permanenten Herausstellung der eigenen Alleinstellungsmerkmale. Um den Sieg in der Konkurrenz zu erringen, gilt es, im falschen Bewusstsein der eigenen Souveränität besser – und individueller – zu sein als alle anderen. Die sich souverän wähnenden Einzelnen sehen sich jedoch zugleich der Schwierigkeit gegenüber, die Erfahrungen von Abhängigkeit, Ausgeliefertheit, Ohnmacht und Passivität, die ihre Lebensführung im kapitalistischen Alltag maßgeblich begleiten, in ihre Welt- und Selbstbegegnung zu integrieren. Diese Erfahrungen eigener Ohnmacht und Ausgeliefertheit, der eigenen Wert- und Bedeutungslosigkeit bei gleichzeitiger Proklamation individueller Souveränität bilden dabei allzu häufig die Grundlage für Motivationszusammenhänge, die zum Kollektiv drängen. Die bürgerliche Individuationsform ist fragil: entweder isolierte Konkurrenzförmigkeit oder regressive Kollektivierung.

Auszug aus: …nevergoinghome, „Es gilt, die Dinge zu verstehen, die hier passieren!“ Von der Kritik regressiver Kollektivität zur Affirmation des bürgerlichen Individuums, in: Phase 2 #44, S.49.

…nevergoinghome ist eine kleine politische Gruppe aus Berlin und beschäftigt sich mit Geschichtspolitik sowie der Krise des Kapitalismus in Europa und der deutschen Rolle darin.

 

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26 Kommentare zu …nevergoinghome über das bürgerliche Individuum

  1. Klara Fall sagt:

    Antideutsche Aporie.
    Hammer Text! Solange er aber nicht in der Bahamas abgedruckt wird, werden ihn leider nur die wenigsten lesen.

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  2. johann sagt:

    Ich hab ihn gelesen =)

  3. justus sagt:

    Wow… Da staunt der Laie, und die Fachfrau wundert sich, was in diesen Kreisen so alles als Erkenntnis durchgeht.

    „Wir halten es für eine zentrale antideutsche Erkenntnis, dass jede Kollektivierung innerhalb einer kapitalistisch verfassten Welt letztendlich ein regressives Moment enthält, das tendenziell auf die Auslöschung der Individualität, die Preisgabe individueller Glücksansprüche zugunsten kollektiver Formierung zielt.“

    Da geht´s schon los. Jede „Kollektivierung“ ist also tendenziell regressiv. Ist ja schön, wenn sie das für eine zentrale Erkenntnis halten – noch besser wäre es freilich, wenn sie das auch begründen und nicht nur so als Glaubenssatz in die Runde werfen würden.
    Und könnte es nicht (gerade im Sinne der „individuellen Glücksansprüche“) auch durchaus sinnvoll sein, sich kollektiv zu formieren? Solidarität und so, ihr wisst schon… Es ist ja nicht so, dass es außer vereinzeltem Konkurrenzsubjekt und völkischem Mob gar keine weiteren Möglichkeiten gäbe (zumal das „bürgerliche Individuum“ – in der Hinsicht haben nevergoinghome durchaus Recht – tatsächlich nicht das Gegenteil des völkischen Mobs ist, sondern nur die andere Seite derselben Medaille).

  4. Profilbild von Esra Esra sagt:

    Die Autor_innen beziehen sich bei der Ablehnung jeglicher Kollektivierung durchaus auf die gängigen Formen eben jener Zusammenschließerei in kapitalistischen Verhältnissen. Soll heißen: diese Form der Kollektivierung bringt zwangsläufig eben jene Momente, die oben erwähnt wurden, mit sich. Also konsequent zuende gedacht, ergeben sich damit gewisse Probleme einer politischen Praxis. In der Tat wird in der von mir zitierten Textstelle eben jenes „warum halten wir das als so eine zentrale Erkenntnis“ nicht weiter erläutert. Beim Weiterlesen des Textes dürfte aber folgendes hilfreich zum weiteren Verstehen sein:

    Die Ablehnung regressiver Kollektivität hat nur den Gegenpol des auf sich allein gestellten Individuums gefunden und affirmiert damit Zurichtung und Konkurrenz. Dabei wäre der Gegenpol zu regressiver Kollektivität in einer solidarisch und emanzipatorisch intendierten Assoziation zu suchen.

    und zum Schluss des Artikels:

    Wir müssen die Praxisfrage neu stellen – und zwar vom Standpunkt der Ohnmacht aus, mit dem Ziel ihrer Überwindung. Nicht erst die Scherben wussten: „Allein machen sie dich ein“. Und daher steht die Frage nach neuen Formen solidarischer und emanzipatorischer Organisierung bei gleichzeitiger Ablehnung regressiver Kollektivität. Wie können wir das erreichen? Darüber sollten wir reden.

  5. justus sagt:

    Okay, das klingt schon etwas anders als der oben zitierten Teil. (Hab schon geguckt, online ist der Text noch nicht zu finden. Und kaufen will ich mir die Phase 2 auch nicht – dafür ist mir deren Preis-Leistungs-Verhältnis mit max. einem interessanten Text pro Ausgabe einfach zu schlecht.)
    Meckern könnte man im Übrigen immer noch, z.B. was die Organisationsfrage betrifft – die wurde in anarchistischen, rätekommunistischen usw. Kreisen die letzten hundert Jahre schon lang und breit diskutiert. In der Hinsicht kommen nevergoinghome bloß auf Basisbanalitäten zurück. Was okay ist, weil die in der antideutschen Linken offensichtlich ziemlich verschütt gegangen sind – aber es bleiben eben Basisbanalitäten.
    Und ist das „ganz auf sich allein gestellte Individuum“ nicht überhaupt eine Fiktion? Sofern es etwas in der Art tatsächlich geben sollte, braucht es dafür immer noch eine ganze Menge an gesellschaftlichen Voraussetzungen…
    Und überhaupt, warum reden nevergoinghome immer nur vom „bürgerlichen Individuum“, und vergessen dabei ganz dessen logisches Gegenstück, den „doppelt freien Lohnarbeiter“ (oder von mir aus die „doppelt freie Lohnarbeiter_in“)?

    • Profilbild von Esra Esra sagt:

      Meckern könnte man im Übrigen immer noch, z.B. was die Organisationsfrage betrifft – die wurde in anarchistischen, rätekommunistischen usw. Kreisen die letzten hundert Jahre schon lang und breit diskutiert. In der Hinsicht kommen nevergoinghome bloß auf Basisbanalitäten zurück. Was okay ist, weil die in der antideutschen Linken offensichtlich ziemlich verschütt gegangen sind – aber es bleiben eben Basisbanalitäten.

      Was die Organisationsfrage in anarchistischen und / oder rätekommunistischen Kreisen angeht, bin ich mehr als skeptisch. Oder ich weiß nicht, worauf du damit hinaus willst. Jedoch scheint mir gegenüber der antideutschen Linken kein sonderlich großer Plusplunkt eben jener Lager vorzuherrschen.

      Und ist das “ganz auf sich allein gestellte Individuum” nicht überhaupt eine Fiktion? Sofern es etwas in der Art tatsächlich geben sollte, braucht es dafür immer noch eine ganze Menge an gesellschaftlichen Voraussetzungen…

      Natürlich ist der Text auf einer hohen Abstraktionsstufe geschrieben. Dass aber die Vereinzelung des Individuums sich über ideologische Gedankenformen wie „Jeder ist seines Glückes Schmied“ oder „Wenn jeder an sich selbst denkt, dann ist an alle gedacht (vgl. unsichtbare Hand)“ auch in den konkreten Gegebenheiten widerspielt, ist recht offensichtlich: in Gesetzgebung, Politik, Ökonomie. Und damit einhergeht ja erstmal keine Wertung, sondern die bloße Feststellung, dass dem so ist. So sind dann alle selbst für ihre Handlungen (juristisch) haftbar, so hat jede_r selbs eine Arbeit zu finden, etc. Natürlich muss man da dann Abstriche machen und sagen: Hey, klar gibt’s da Instanzen und Institutionen, die einen auch bevormunden oder „helfen“ können. Das strahlt dann aber darauf zurück, dass das Individuum in der bürgerlichen Gesellschaft erstmal auf sich allein gestellt bleibt.

      Und überhaupt, warum reden nevergoinghome immer nur vom “bürgerlichen Individuum”, und vergessen dabei ganz dessen logisches Gegenstück, den “doppelt freien Lohnarbeiter” (oder von mir aus die “doppelt freie Lohnarbeiter_in”)?

      Kann man jetzt natürlich ‚drüber spekulieren. Aber beim Lesen des Textes ist mir zur Gegenüberstellung des bürgerlichen Individuums und regressiver Kollektivierungstendenzen keine Notwendigkeit in den Sinn gekommen, die doppelt freien Lohnarbeiter_innen zu thematisieren. Innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft sind diese ja doch nur vereinzelte Individuen.

  6. Danke fürs lesen, zitieren und diskutieren!

    Voller Text jetzt online:

    http://phase-zwei.org/hefte/artikel/es-gilt-dinge-zu-verstehen-die-hier-passieren-237/

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  7. Ah… voreilig. Ist ja bislang nur der erste Absatz.

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  8. justus sagt:

    @ esra: Zur Organisationsfrage – wenn es in der antideutschen Linken als große Erkenntnis durchgeht, dass den Status als vereinzeltes Konkurrenzsubjekt abzufeiern nix mit Emanzipation zu tun hat, dann haben Rätekommunist_innen und Anarchist_innen den Antideutschen sicher was voraus.
    Im Übrigen kannst du ja mal auf der Website, sagen wir mal: der Graswurzelrevolution mit dem Schlagwort „Basisdemokratie“ suchen. Mögliche Modelle, wie man kollektive Organisierung und die Bedürfnisse jeder und jedes Einzelnen verbinden könnte, wurden da lang und breit diskutiert. Und ich bezweifle zumindest, dass bei der Frage nach „neuen Formen solidarischer und emanzipatorischer Organisierung“, wie nevergoinghome sie aufwerfen, so phänomenal neuartige Antworten herauskommen.

    Zum zweiten Teil – da kommen wir natürlich in schwierige Gewässer. Ich hab mich deswegen auch letztlich auf rhetorische Fragen zurückgezogen, um keinen Endlos-Post zu produzieren. Hat aber scheinbar nicht funktioniert, meinen Gedankengang auf diese Weise zu vermitteln. Ich versuch also mal, das Ganze etwa aufzudröseln…

    Du sagst es schon ganz richtig: Wir haben es hier mit „ideologischen Gedankenformen“ zu tun. Die Leute erklären sich ihre Alltagspraxis in einer bestimmten ideologischen Weise und begreifen sich entsprechend z.B. als „ganz auf sich allein gestellt“. Aber (und darauf zielte meine erste rhetorische Frage ab) sie denken sich das bloß, sie sind´s nicht – wenn sie wirklich mal auf sich allein gestellt wären, würden sie wohl elendig vor die Hunde gehen.

    Auf diese „ideologischen Gedankenformen“ kommen die Leute aber nicht von allein, sondern es gibt (auch da liegst du richtig) „Gesetzgebung, Politik, Ökonomie“, also bestimmte Instanzen, die ihnen diese Gedankenformen nahelegen. Der Staat setzt z.B. ein bestimmtes Recht, das alle Leute gleichermaßen als freie, gleiche Rechtssubjekte auffasst. Darauf beruht dann auch die Fiktion der demokratischen Wahl: jede Stimme ist gleich, jede_r Einzelne hat gleichermaßen Einfluss auf die Politik…

    Für die Bürger funktioniert diese Fiktion auch irgendwie – wenn man über Kapital verfügt, das man in menschliche Arbeitkraft umsetzen und so verwerten kann, dann kann man sich damit natürlich die meisten gesellschaftlichen Zumutungen vom Leibe halten und sich entsprechend hübsch souverän und unabhängig fühlen. „Ganz auf sich allein gestellt“ ist mensch deswegen aber noch nicht – die vermeintliche Souveränität und Unabhängigkeit ergibt sich ja erst aus der gesellschaftlichen Position des Kapitalbesitzers, die man innehat.
    Da kommen wir zu dem Punkt, auf den ich mit meiner zweiten rhetorischen Frage hinauswollte (um Spekulation ging´s mir dabei nicht, sondern um die Feststellung, dass nevergoinghome nicht von Klassenverhältnissen reden).
    Von der Warte der „doppelt freien Lohnarbeiter_in“ sieht die Sache nämlich schon anders aus. Die wird vom Gesetz ebenfalls zum freien Rechtssubjekt erklärt, kann also über die eigene Person verfügen, Verträge abschließen usw. Das ist dann die eine Hälfte der doppelten Freiheit.
    Nur ist da eben noch die andere Hälfte der Freiheit, nämlich „frei“ von Eigentum zu sein. Die Fiktion stimmt in diesem Falle also nicht ganz so reibungslos mit der Realität zusammen: Der oder die „freie Lohnarbeiter_in“ muss die eigene Arbeitskraft verkaufen und kriegt so immer wieder vor Augen geführt, dass er/sie eben kein „ganz auf sich allein gestelltes“ souveränes Individuum ist, sondern im Gegenteil und offensichtlich verdammt abhängig von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.

    Natürlich wird auch hier, z.B. von Seiten der „Ökonomie“, den Leuten nahegelegt, sich als souveräne, autonome Individuen zu begreifen – wenn z.B. so getan wird, als sei der Arbeitsvertrag eine freiwillige Übereinkunft von gleichgestellten Subjekten. Und natürlich begreifen auch viele Lohnabhängigen sich selbst als „ganz auf sich allein gestellt“, versuchen alles allein zu regeln, weil´s ja nur ihr eigenes Problem sei, wenn sie von ihrem Lohn kaum über die Runden kommen, den Anforderungen nicht genügen usw.
    Da ergibt die Fiktion dann keinen Sinn mehr – und insofern ist es auch verdammt problematisch, wenn du oder nevergoinghome die „ideologischen Gedankenformen“ als adäquate Beschreibung der Realität auffassen.
    Exakt das machst du, wenn du schreibst: „Innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft sind diese ja doch nur vereinzelte Individuen“. Falsch – es ist nur für den reibungslosen Ablauf der bürgerlichen Gesellschaft (als Klassengesellschaft) ziemlich förderlich, wenn sie sich als solche begreifen und verhalten.
    Die Leute sind nicht „ganz auf sich allein gestellt“, sie können´s auch nicht sein, und das ist in gewisser Hinsicht auch eine durchaus positive Feststellung. Sie sind nicht allein, ihre Probleme sind nicht nur ihre eigenen – und sich aus dieser Erkenntnis heraus kollektiv zu formieren, ist allemal sinnvoller, als sich als ach so freies und unabhängiges „bürgerliches Individuum“ den gesellschaftlichen Zwängen zu unterwerfen.

    Das war´s so grob, was ich sagen wollte.

  9. justus sagt:

    Gerade noch mal drübergelesen – damn it, das ist genau der Endlos-Post, den ich vermeiden wollte…

  10. das exil sagt:

    super artikel!

    und leider ist nicht nur im kapitalistischen mainstream vereinzelung durch kollegtive
    ausschlüße normalität, sondern gerade auch in einer nicht vom ausschließen befreiten emanzipatorischen (basisdemokratischen) linken, bzw. aus ihr hervorgegangenen wohnformen. nichts weiter als etikette und erblindet vom postfaschistischen palawer irgendwelcher parlamentarischer demokraten! sorry wen ich meinen zum hals raushängenden freund adorno rezedieren darf , mit: ein richtiges im falschen ist nicht möglich!

    • Johann sagt:

      Wo sagt adorno jenes? Ich kenne nur: “ Es gibt kein richtiges Leben im falschen“, was eigentlich eine Zuspitzung seines Entwurfs war, in welcher er schreibt: „es lässt sich privat nicht mehr richtig leben“.

  11. d_l sagt:

    “ Also konsequent zuende gedacht, ergeben sich damit gewisse Probleme einer politischen Praxis. “ – Und deswegen verkünden diejenigen Antideutschen, die das alles noch ein Stück konsquenter denken so gerne Abschiede von der Linken. Leider machen sie damit nie ernst, sondern stellen diese Pose des Abschiednehmens auf Dauer und belatschernen dich dann bei Blogsport als kritische Kritiker die ganze Zeit mit Blödsinn. Es gibt aber auch Auswege. Nur weil man sich in eine logische Sackgasse manövriert hat, heißt dies noch nicht, dass man diesen Tatbestand selbst nicht auch reflektieren könnte und dann eröffnet sich die Möglichkeit aus der selbstverschuldeten (weil man sich mit überbetonten Prämissen selbst ins Abseits postuliert hat) Unfähigkeit herauszukommen. Auch wenn ich nicht alles inhaltlich teile, so haben sich doch die Ums Ganze Gruppen seit 2007 ganz ordentlich aus diesem -ich betone es noch einmal selbstverschuldeten- Dilemma herausgearbeitet.

    Der Hinweis auf die anarchistischen Organisierungsmodelle erfolgte hier zu Recht. Wenn ich bei einer kollektiven Praxis nicht dahin kommen will, die eigenen Genossen oder wen auch immer zu unterdrücken, dann diskutiere ich eben gemeinsam herrschaftsfreiere Wege, aber ich behaupte nicht die Welt ist schlecht und außer Bloggen sei alle Praxis barbarisch.

  12. d_l sagt:

    P.S.: Erkenntnistheoretische Rückfrage: Wenn das Leben im Kapitalismus die Menschen so dermaßen überformt, dass gar keine Emanzipation mehr möglich ist, wie ist es dann möglich dieses Problem begrifflich noch zu erfassen und diese Behauptung zu tätigen? Was erhebt den Kritiker auf diesen privilegierten Standpunkt, dass er über die Praxis der anderen Richten kann, wo doch sein Postulat auch auf ihn zurückwirken müsste und er damit seine Aussage wieder relativieren hätte?

    Manchmal muss es nicht Marx und Adorno sein (schon garnicht mit aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten), sondern nur ein wenig Logik. 😉

  13. d_l sagt:

    Erklär mal inwiefern, bitte. Nicht, dass ich dich falsch verstehe.

  14. Profilbild von Esra Esra sagt:

    Wenn das Leben im Kapitalismus die Menschen so dermaßen überformt, dass gar keine Emanzipation mehr möglich ist, wie ist es dann möglich dieses Problem begrifflich noch zu erfassen und diese Behauptung zu tätigen?

    Auf der logischen Ebene, und da orientieren wir uns zunächst an der von mir zitierten Textstelle des Artikels, ist Emanzipation durchaus möglich. Dazu bedarf es aber (notwendig, aber nicht hinreichend) der Aufhebung des Kapitalverhältnisses. Von daher ist deine Ausgangslage schonmal unklar. Ex falso quodlibet.

  15. Nun, ich glaube wir sind noch nicht ganz durch mit der Frage. 🙂

    I. Wie oder durch was wird das Kapitalverhältnis aufgehoben, wenn nicht durch Politik, d.h. durch kollektives politisches Handeln?

    II. Wie kann es emanzipatorische Politik geben wenn jede Politik, weil sie aus kollektivem Handeln besteht, auch durch ein sogenanntes „regressives Element“ (by the way: was ist das überhaupt genau?) befleckt wird?

    Mir schwebt, nachdem die Kritiker alle Politik suspendiert haben nur noch eine märchenhafte Perspektive über: Das Kapitalverhältnis wird solange von fleißigen Bloggern kritisiert, bis es von selbst kollabiert. :P;)

    • Profilbild von Esra Esra sagt:

      I. Na hoffentlich durch einen kollektiven politischen Zusammenschluss, der emanzipatorisch ist. Nevergoinghome schreiben dazu ja selbst mit einem eher offen gelassenem Ergebnis:

      Wir müssen die Praxisfrage neu stellen – und zwar vom Standpunkt der Ohnmacht aus, mit dem Ziel ihrer Überwindung. Nicht erst die Scherben wussten: “Allein machen sie dich ein”. Und daher steht die Frage nach neuen Formen solidarischer und emanzipatorischer Organisierung bei gleichzeitiger Ablehnung regressiver Kollektivität. Wie können wir das erreichen? Darüber sollten wir reden.

      II. Das regressive Element wird beschrieben als etwas innerhalb einer kapitalistisch verfassten Welt, das [Zitat:] „

      tendenziell auf die Auslöschung der Individualität, die Preisgabe individueller Glücksansprüche zugunsten kollektiver Formierung zielt.

      „. Emanzipatorische Politik kann es scheinbar nur sehr schwierig geben, da Kollektivierung zur Regression drängt. Ob und inwiefern das möglich ist, wird mal wieder offen gelassen. 😛

      Mir schwebt da vor, dass du mal coole Vorschläge machen solltest! Dann packen wir das rucki zucki.

      ___
      Johann: Dann eher Latein. Ob ich mich an Hegel traue, bleibt offen. Aber hie und da mal ne lateinische Phrase macht schon verdammt viel her.

  16. Profilbild von Esra Esra sagt:

    Ah, ich glaub, dass ich jetzt der logischen Schwachstelle auf die Schliche bekommen bin.

    I. Unter kapitalistischen Verhältnissen gibt es lediglich regressive Kollektive.
    II. Es bedarf eines Kollektivs, um das Kapitalverhältnis aufzuheben.
    ___
    III. Das Kapitalverhältnis kann nicht durch ein Kollektiv unter kapitalistischen Verhältnissen aufgehoben werden, da das Kollektiv regressiv (ergo nicht emanzipatorisch) ist.

    Richtig deduziert?

  17. d_l sagt:

    @esra

    Genau. Das ist meiner Meinung nach aber ein mit Blick auf die Realität nicht notwendigerweise zutreffendes Argument. Viele Kritiker nehmen es aber als gegeben an und ziehen -völlig folgerichtig- den Schluss linke Politik sei nicht (mehr) zu machen, alles was bliebe sei nur noch den ganzen Laden zu kritisieren. Letzteres birgt ein interessantes erkenntnistheoretisches Problem. Mir ging es aber vor allem um den Aspekt den du jetzt auch herausgearbeitet hattest.

    Ich meine, dass dies wenn ich recht habe, tragisch ist: Man nimmt an Fortschritt sei nicht mehr möglich, man gibt in der Folge die Bemühungen fortschrittliche kollektive Praxis auf und dann gibt es tatsächlich keine fortschrittliche kollektive Praxis, weil sie niemand macht. Tragisch ist das, weil es eine unerkannte selbsterfüllende Prophezeihung ist.

    @Johann

    Ex Falso Quodlibet – ist eine Wendung aus der Logik, mit der man anzeigt, dass aufgrund von falschen Prämissen nun nur noch falsche Konklusionen gezogen werden können und dass es daher möglich ist alles zu schließen, was immer man möchte. „Aus Falschem folgt Beliebiges“ oder am Beispiel: Äpfel sind Birnen, daher können sie fliegen.

  18. johann sagt:

    http://blogsport.eu/members/johann/blogs/ -> das bin nicht ich …

    Danke für deine ausführliche Erklärung D_L.

    Ich verstehe nicht ganz wieso mensch nicht den „ganzen Laden“ kritisieren sollte …
    Es ist doch ein Zeichen von regressiver Kollektivität, wenn mensch zwischen sich und dem Kollektiv nicht mehr unterscheiden kann. Jenes sieht mensch sehr schön, wenn mensch unter stolzen deutschen ist und anfängt an d-land zu kritisieren, z.B..

    Ich muss D_L weiterhin recht geben, dass es etwas seltsam ist, wenn Leute meinen sie hätten mit „den Linken“ gebrochen aber deren Kritik trotzdem auf „die Linke“ und auf jede deren Handlungen fixiert ist. Eine solche Kritik macht für mich nur dann Sinn, wenn mensch sich noch in diesem Kontext ( der Linken) versteht. In diesem Fall geht es um eine Intervention.
    Ich denke die Sache muss ambivalenter betrachtet werden und gerade nicht logisch. Als Bürger eines Staates, welche wir alle zwangsweise sind, und als Subjekte, welche sich dem Kapitalverhältnis beugen müssen, sind wir regressive Kollektivität. Aber wir sind auch Individuen, welche trotz diesen zwang, etwas anderes zumindest wünschen können. Ich denke die Kunst liegt dabei, Kritik zu üben. Es ist zwar manchmal nervtötend, aber die Stärke der radikalen Linken sehen ich darin, dass sie sich intensiv kritisiert. Somit wird das Verhältnis, welches ist, immer wieder denunziert. Es wird sich nicht zufrieden gegeben. Ich kann nicht sagen, was eine emanzipatorisches Kollektiv ist oder wie es sich organisiert. Ich kann nur sagen, was es nicht ist. Für mich fängt es schon dort an, wo eine fundamentale Kritik nicht mehr geäußert werden darf.

  19. Ich glaube das Problem in Dtl. ist nicht, dass du deine Kritik nicht äußern darfst, sondern, dass daraus nichts folgt. Es wird -soweit du nicht gegen Gesetze verstößt- einfach toleriert (z.T. sicherlich durchaus im Sinne von ertragen) und damit ist dann Schluss.

    Das heißt für mich nicht, dass man nicht kritisieren soll. Aber die „richtige Kritik“ ist eben nicht alles im Leben. Es muss auch einen Weg geben, wie sie von anderen Menschen gehört und verstanden wird. Und ich vermute, dass viele Menschen, vor allem die die sich als politische Menschen lieber zusammen Gedanken anstellen, als sich „die“ richtige Kritik von einer einzelnen Person vorsagen zu lassen, auch wenn die oder der sich damit sehr viel Mühe gegeben hat. Und in dem Punkt sind die Anarchisten lebensnaher, weil sie mehr Wert auf diesen gemeinsamen Prozess legen. Aber natürlich sollte man die auch nicht über einen Kamm scheren, genau wie bei den Kommis gibts da ebenfalls auch Sektierer, identitäres Abgegrenze und Leute die die Weisheit mit dem richtig großen Löffel gefressen haben.

    Einen Gedanken noch Johann, du sagtest, wir sind zwangsweise alle Bürger dieses Staates. Du wirst mir sicher nicht widersprechen wenn ich da einhake und noch mal in Erinnerung rufe, dass bspw. die Flüchtlingsstreikbewegung des letzten Jahres darum kämpft, dass tatsächlich alle hier lebenden wie Bürger behandelt werden. Dass die Subjektivierung durch den Staat und das recht deshalb weiterhin problematische Angelegenheiten sind, bleibt ja weiterhin richtig. 😉

  20. johann sagt:

    „Ich glaube das Problem in Dtl. ist nicht, dass du deine Kritik nicht äußern darfst, sondern, dass daraus nichts folgt. Es wird -soweit du nicht gegen Gesetze verstößt- einfach toleriert (z.T. sicherlich durchaus im Sinne von ertragen) und damit ist dann Schluss.“
    Hemm meinst ? Also es ist nur wirklich nicth so, dass mensch es nicht äußern darf. Es gibt soweit keine Gesetze, welche ankommen und Leute festnehmen, weil sie für den Kommunismus agitieren. (Es könnte zu überwachungen kommen, oder ?). Aber darum ging es mir garnicht. Eine materialistische Kritik, sprich eine die, die Gesellschaftlichen Verhältnisse berücksichtigt, lässt denn schein, welcher mensch z.b. vom kapital hat G-G´, oder das denken in guter Herrschaft usw. auffliegen. Es wird alles in Frage gestellt. Der Staat, welcher natürlich sich nciht selbst abschaffen wird, der mag das ertragen, aber die einzelne Person ist doch gezwungen sich damit außeinander zu setzen. So ist es auch mit „der Szene“.

    „Einen Gedanken noch Johann, du sagtest, wir sind zwangsweise alle Bürger dieses Staates. Du wirst mir sicher nicht widersprechen wenn ich da einhake und noch mal in Erinnerung rufe, dass bspw. die Flüchtlingsstreikbewegung des letzten Jahres darum kämpft, dass tatsächlich alle hier lebenden wie Bürger behandelt werden. Dass die Subjektivierung durch den Staat und das recht deshalb weiterhin problematische Angelegenheiten sind, bleibt ja weiterhin richtig.“

    Das ist richtig D_L und du hast recht, ich werde dir nicht wiedersprechen =). Es wäre aber besser aufzuzeigen, warum Staat und Nation Grenzen braucht usw. So ließe sich doch in der Praxis die Situation der Kämpfenden nutzen, um sie zumindenst theoretisch zu radikalisieren. Was ja keine entsolidarisierung ist.

    “ Und in dem Punkt sind die Anarchisten lebensnaher, weil sie mehr Wert auf diesen gemeinsamen Prozess legen.“
    Naja Mensch soll sich ja nicht „die richitge Kritik“ von einzelnen Vorgeben lassen. Es ist ja schonwieder regressive Kollektivität, wenn ein einzelner einer masse vorgibt was sie zu denken haben. Die Leute müssen überzeugt werden. Und ich bin wirklich keine Feind davon zusammen zu lesen und zu diskutieren. Oder Gruppen zu gründen. Ich bin dafür, dass der Einzelne immerwieder alles unter Kritik stellt. Somit nicht in der politgruppe oder der politischen strömung usw. aufgeht.

  21. outofvogue sagt:

    Zu fragen wäre doch mal nach Folgendem: inwiefern sind Kollektiv und Gemeinschaft unterm Kapitalverhältnis überhaupt gegeben? Kommt hier nicht, gerade am Beispiels der faschistischen Volksgemeinschaft, die materielle Kraft von Ideologien ins Spiel; also kollektive Masseninszenierungen und Vereinzelung sind überhaupt nicht voneinander zu trennen. Denn was weiß der Spatenträger vom Reichsarbeitsdienst schon vom Nebenmann? Ist das wirklich ein Kollektiv?

    Solche Fragen stellen Antideutsche aber nie, denn man ist sich längst einig geworden, dass Gemeinschaft böse und bürgerliche Individuen das zu Rettende sind.

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