Die „gelbe Masse“ – Konstruktion antichinesischer Ressentiments

Da ich der Meinung bin, dass die Situation der Chines_innen in Deutschland bis Ende des Nationalsozialismus ein in der radikalen Linken weitgehend unbeachtetes Thema ist, folgt nun aus Gründen der Dokumentation ein Auszug aus einem Artikel, der zumindest einen kleinen Einblick in antichinesische Ressentiments und rassistische Verfolgung zu geben versucht. Der aktuelle Themenschwerpunkt der Phase 2 (Ausgabe #43) behandelt übrigens diverse Aspekte Chinas.

Exoten, Dämonen und Helden: Chinabilder bis 1949

In Europa und Amerika rückte die imaginierte Bedrohung durch eine kaum menschliche „gelbe“ Masse ab den zwanziger Jahren wieder etwas in den Hintergrund. Gleichzeitig blieb aber die Annahme einer essentiellen Andersartigkeit und Unterlegenheit – und sei sie „nur“ gesellschaftlich begründet – weiterhin erhalten. Die gängigen antichinesischen Vorurteilsbilder wurden insbesondere innerhalb der Kulturindustrie weiter tradiert: In Filmen, Illustrierten und Büchern erschien „das Chinesische“ entweder in der Form von mit allen visuellen Klischees ausgestatteten, kindlichen oder mysteriösen Exoten oder dämonischen, grausamen Überschurken vom Schlage eines Fu Manchu. Neben dem exotisierten Setting der entstehenden China-Restaurants waren es die ausdifferenzierten Topoi der Drogen, der illegalen Migration und der organisierten Kriminalität, die weite Verbreitung fanden.¹

Die auf solchen Bildern beruhende rassistisch begründete Diskriminierung, der Chinesinnen und Chinesen durch staatliche Stellen im Deutschen Reich ausgesetzt waren, verstärkte sich im Nationalsozialismus. Sie wurden als „Parasiten“ und kriminelle „Volksschädlinge“, als „Devisenspekulanten“ und „Rassenschänder“ stigmatisiert und vor allem nach der Festigung des Bündnisses mit Japan zunehmend verfolgt. Am 13. Mai 1944 führte die Gestapo in Hamburg und Bremen die sogenannte „Chinesenaktion“ durch und verschleppte gezielt die letzten noch „freien“ Chinesinnen und Chinesen unter dem Vorwurf der „Feindbegünstigung“ in Arbeitslager. Viele kamen durch Hunger, Erschöpfung und unmittelbare Gewalteinwirkung um, Ihr „arisierter“ Besitz wurde später nicht zurückerstattet und eine kollektive Anerkennung und Wiedergutmachung wurde ihnen in der Bundesrepublik verweigert, sei ihre Verfolgung doch eine Maßnahme unpolitischer Kriminalitätsbekämpfung gewesen.² […]

1. Lynn Pan, Sons of the Yellow Emperor. A History of the Chinese Diaspora, Boston/Toronto/London 1990, 201-203.
2. Lars Amenda, „Chinesenaktion“. Zur Rassenpolitik und Verfolgung im nationalsozialistischen Hamburg, in: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte 91 (2005), 103-132.

 

Auszug aus: Florian Hessel, Die bedrohliche Macht der Masse. Über Kontinuität und Transformation antichinesischen Ressentiments in Amerika und Europa, in: Phase 2 #43, 39-42. Im Internet (bald) hier aufrufbar.

Der Autor ist Sozialwissenschaftler und Mitglied des Instituts für Sozialtheorie (www.sozialtheorie.de).

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4 Kommentare zu Die „gelbe Masse“ – Konstruktion antichinesischer Ressentiments

  1. Profilbild von midnight midnight sagt:

    den anderen Artikel „Jews of the East“ aus der Phase 2 gibts irgendwie nicht online, kann das sein?

  2. Profilbild von Esra Esra sagt:

    Stimmt. Aus der Sektion „Top Story“ ist „Jews of the East“ der einzige Artikel, der nicht auf der Website der Phase 2 zu finden ist. Seltsam.

  3. Johann sagt:

    Interessant ist auch, dass unter dem begriff die „gelbgefahr“, (http://de.wikipedia.org/wiki/Gelbe_Gefahr) indem schon so eine art verschwöhrungsdenken vorhanden ist, koloniale Phänomen.

    Die Frage die sich mir stellt ist inwieweit jenes denken bei den modernen Rassismus eine rolle spielt bzw. bei den Nazis.

  4. Profilbild von Esra Esra sagt:

    Uff, die Frage kann ich leider auch nicht so mir nichts dir nichts beantworten.

    Innerhalb des modernen Rassismus spielt, laut Artikel, das Ressentiment gegenüber Chines_innen durchaus eine veränderte Bedrohung, die sich anders äußert als z.B. der Rassismus gegen Afrikaner_innen. China wird dort z.B. als bedrohliche Gegenkultur dargestellt, die sich zwar nun der europäisch-stämmigen kapitalistischen Verwertungslogik bediene, sie aber noch skrupellos-unmoralischer durchsetze. Des weiteren seien Chines_innen ein gänzlich anderer Menschenschlag: Die unglaublich große Bevölkerung spielt da als „gesichtslose Masse“ eine wichtige Rolle, Konfuzianische Autoritätshörigkeit, Expansionsstreben, Kollektivdenken bis gar hin zum fehlenden Individualismus, etc. Stichwort u.A.: China als „Gegenzivilisation“ schlechthin und „kultureller Rassismus“. Oder um es mit den Worten Florian Hessels zu sagen:

    Inwieweit diese wachsende ideologische Unterströmung politisch in nationalistischen und xenophoben Mehrwert übersetzbar ist, ist gegenwärtig noch unklar. Zumindest sind in den Vereinigten Staaten 2010 bereits Ansätze einer Nutzbarmachung dieses Ressentiments zu beobachten gewesen, und auch in Italien sind aus dem neofaschistischen Spektrum eindeutig rassistische Kampagnen dokumentiert, die mit den entsprechenden Ängsten und Topoi operieren. Gleichzeitig trat bisher in Europa und Nordamerika noch kein Fall ein – etwa ein breit skandalisierbarer politischer Konflikt -, an dem sich die Ressentiments hätten entzünden können, wie es etwa auf den Philippinen, den Salomonen oder in Sambia bereits geschehen ist.

    Auch der besagte Artikel „Jews of the East“ gibt einen interessanten Einblick, wie Chines_innen in Südostasien verfolgt wurden und auch noch heute von ressentiment geladener Feindlichkeit betrachtet werden.
    Interessant sind aber auch die USA mit ihrem „Chinese Exclusion Act“ von 1882, sowie natürlich das kaiserliche Deutschland (Hunnenrede, Boxeraufstand, etc.). Zu der Sicht der Nationalsozialist_innen auf China und chinesische Menschen, wurden bereits in dem Artikel (siehe oben) ein paar Worte verloren. Mehr hab‘ ich so ad hoc leider auch nicht parat.

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